Boris von Brauchitsch

9

Jedem Ort, der für ihn neu ist, widmet Boris von Brauchitsch dreimal drei Bilder, neun Aufnahmen, geordnet zu einem strengen Quadrat. Sie zeigen die Besonderheit des noch unbekannten Ganzen, die ihm als erstes ins Auge fällt und jedes dieser Tableaus korrespondiert mit einer kleinen literarischen Beobachtung.

Gestaltet von Detlev Pusch
Kehrer Verlag, Heidelberg 2016
ISBN 978-3-86828-714-1

Der geschärfte Blick eines Fotografen verbindet sich mit dem subjektiven Urteil eines weitgereisten und humorbegabten Moralisten, unterfüttert von einer strengen Bildordnung. Bild und Text bilden gemeinsam eine lyrische Struktur und können als elegante, freilich auch elitäre Replik auf die gegenwärtige Bilderflut gelesen werden, auf deren Folgen für den Umgang mit Bildern, mit Wahrnehmung und Erinnerung. Zeichen und Wahrnehmung gehen in dieser – wie könnte es bei diesem Anspruch anders sein – hochästhetisch gestalteten Kompilation sehr konträre, oft überaus amüsante Wege. Und münden in der derzeit vollkommen vernachlässigten, sehr alten, dabei ziemlich trivialen und überaus aktuellen Erkenntnis, dass weniger mehr ist und Neugier der vergnüglichste und bei Weitem erhellendste (Reise-)Begleiter.

Annegret Erhard in: TAZ, 23. November 2016

"Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit vergegenwärtigen und darüber nachdenken zu können. Sind es nicht oft die besten Bilder, die man intuitiv macht, die entstehen, weil Dinge einen für den Moment unsagbar seltsam berühren?“ Reisen ist ein Elixier für Boris von Brauchitsch, dies wird aus dem obigen Zitat deutlich, das zu Beginn des Künstlerbuchs „9“ als Türöffner fungiert, um 37 Orten zu begegnen. In Blöcken von 3x3 Schwarz-Weiß-Fotografien entführt uns von Brauchitsch quer über Kontinente von Amerika über Asien nach Afrika und zurück nach Europa.
Wer einmal mit Boris von Brauchitsch unterwegs war, weiß, dass der Fotograf und Autor seit Jahrzehnten konsequent vermeintliche Nebenschauplätze beachtet und zu schätzen weiß. Er sieht nicht nur, er nimmt wahr und gibt jenen Motiven eine Existenzberechtigung, die im alltäglichen Funktionalismus lediglich hingenommen werden. (...) „Das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe in seiner Italienischen Reise (Kap. 33), am 9. März 1787.
Gewöhnliches zeigt auch von Brauchitsch häufig: Mülltonnen, morbide Eingänge, Kronkorken eingedrückt in Bitumen, Baumschatten, Brandwände, schwarze Plastikfolien im Geäst, Straßenschilder und Duckdalben. In der Banalität der einzelnen Objekte liegt – ganz im Sinne Goethes – durch künstlerische Auswahl, Zusammenstellung, Reihung und Perspektivwechsel der Reiz und das Entdecken der Neuheit und der Überraschung. Es ist letztlich gar nicht die Reise, die der Fotograf fokussiert, es ist das Unvermutete, die Auswahl des Vorgeführten, die Wiederholung des Nicht-Wahrgenommenen und die Zeichnung in der Fotografie. 315 ästhetisch geordnete, fotografische, und 36 textliche Widmungen sind in diesem Buch brillant ausgesucht und erarbeitet.

Claus Friede, in: Kulturport, 20. September 2016

Confronting the modern issue that we are constantly surrounded by billions of mindless images, Boris von Brauchitsch (b. 1963) is bringing moderation back to modern photography in his latest book, 9. As Von Brauchitsch explains, “the risks of creating superfluous images run highest when travelling”. Leading by example, he embarked on mission to travel around Europe, allowing himself a maximum of nine photographs per location, making sure “every new picture taken must make one hundred others obsolete”. […] Working like this gives us as a fascinating and unfiltered insight into the renowned photographer’s thought process. Being shown the nine things von Bauchitsch deemed interesting enough to photograph is like looking at a very focused contact sheet, which gives us a unique look into a photographer’s eye.

GUPMagazine – Guide to Unique Photography, 20. Oktober 2016

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