Boris von Brauchitsch

Identify Your Target

2005

Der Himmel draußen und der Raum, in dem ich sitze, sind dunkel. Hell ist nur der Bildschirm des Computers. Ein Fenster irgendwohin. Dort kann ich mit Fremden über Vertrautes reden, wenn ich will. Wenn ich will kann ich mir auch Bilder von Fremden ansehen. Man liest, sieht und urteilt. Mehr noch als Worte, die Zeit brauchen, sind es diese Fotos, nach denen man urteilt. Körper und Körperteile werden als Köder ausgelegt, sollen, wie in jeder Werbekampagne, locken und verführen. Standardposen, Schlüsselreize und dann doch der Wunsch, sich von der Masse abzuheben. Die ersten Bilder im Chat waren fingernagelgroß. Je unspezifischer sie erschienen, je mehr berührten sie die Phantasie. Je abstrakter ein Bild, desto besser taugt es als Projektionsfläche. Das ideale Bild des Fremden wäre wohl ein monochromes. Eine blaue Fläche, wie die, auf die Pietro, der Sohn des Hauses, in Pasolinis Film Teorema pisst. Die blaue Fläche, auf die er pisst, ist das Bild des Fremden, der ihn enttäuscht und verlassen hat. 

Doch zunächst in da der Blick in den Spiegel, der uns mit uns selbst konfrontiert. Dieser Blick suggeriert intime Selbstbeobachtung. Doch in der digitalisierten und manipulierten Fotografie wandelt er sich ins Gegenteil. Ich selbst bin der erste, der sich täuscht, bevor ich – indem ich den digitalisierten Spiegelblick ins Netz stelle – zur eleganten Täuschung der anderen schreite. Und schalte ich den Blitz ein, wird der Augenblick der Aufnahme zugleich auch noch zum Moment der Auslöschung.