Boris von Brauchitsch

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Reisebilder

In den 80er Jahren trieben wir den Sport, uns in die Urlaubserinnerungen Fremder einzuschmuggeln, indem wir uns bei Andenken-Fotos vor dem David in Florenz oder vor dem Eiffelturm einfach unauffällig dazustellten. So gelangten wir nach Brasilien, Kalifornien und Japan und kleben ver-mutlich bis heute in längst vergessenen Fotoalben. Die Bilder von mir, vor mehr als 25 Jahren verstreut über die ganze Welt, würde ich heute gern in einem Band versammelt sehen. Doch vermutlich ist auch hier, wie so oft, die Vorstellung lustiger als eine Umsetzung. Vermutlich ist es das beste, dass dieser Band imaginär ist.

Das Unbehagen, das mich in jenen Tagen angesichts der wahl- und hirnlos entstehenden Urlaubsbilder beschlich, war die andere Seite der Medaille. Ich verlor jede Kontrolle über mein Bild indem ich es über die Welt versprengte, ich war ein Unbekannter für diejenigen, die zu Hause ihre Bilder aus dem Labor abholten, ein Eindringling, an den sie sich nicht einmal erinnern konnten. Doch ich vermutete, dass ihnen die Rialtobrücke oder das Brandenburger Tor oft ebenso fremd erschienen. Sie wussten meist nicht viel mehr über diese Bauten und Kunstwerke als über mich. Sie wussten nur, dass diese Bauten irgendwo da waren, was ihre Fotos belegten.  Und so wie  die Fotos  bewiesen, dass  die  Bauten existierten,  be-wiesen die Bauten, dass  die Millers, Sanchez und Tanakas  vor Ort gewesen waren. Sie waren weit gereist, um ihrerseits das Dasein der Attraktionen zu bestätigen. 

Das Massenhafte dieser Bilderfabrikation ekelte und ödete mich damals an, altersbedingt fiel meine Reaktion heftiger aus, als sie heute ausfallen würde. Dia-Abende (inzwischen liebevoll-anachronistische Events mit Kult-potential) waren zudem Schreckgespenster, weil man in der Regel das ganze Elend der Urlaubskonfektion vorgeführt bekam.

Daran wollte ich mich wirklich nicht beteiligen. Jedem für mich neuen Ort sollten daher fortan dreimal drei Bilder gewidmet werden, neun Auf-nahmen, geordnet zu einem strengen Quadrat, der maximalen Verdichtung. Sie zeigen jene Besonderheit des noch unbekannten Ganzen, die mir als erstes ins Auge fiel. Intim und ganz subjektiv sollten diese Reisebilder sein, nicht das Typische, sondern das Abseitige zeigen. Und sie verstanden sich als Verfechter nicht der Sammlung, sondern der Beschränkung.