Boris von Brauchitsch

Auf KLM-Flügen wird Genever in kleinen Delfter-Porzellan-Häuschen serviert, die in groß an den Amsterdamer Grachten stehen. Auch hier sind sie putzig ohne kitschig zu sein. Dazwischen Kähne und Radfahrer werbe-prospektmäßig. Ich suche keine Coffeeshops, mag nicht in der Schlange vor dem Van-Gogh-Museum stehen, brauche keine Tulpenzwiebeln. Rund dreißig Jahre war ich nicht in Amsterdam und auch von damals ist mir nichts von der heimeligen Käse-Idylle in Erinnerung, sondern nur nächtliche Bilder eines verwohnten Großstadthotels und kleiner Automaten, aus denen man auch noch nach Mitternacht Nasi- und Bamigoreng ziehen konnte. 

Auf der Fahrt mit der Straßenbahn, die Pedro und ich direkt nach der Ankunft benutzen, um vom Bahnhof zu unserer Dachstube in der Jacob van Lennepkade zu kommen, die wir für ein paar Tage gemietet haben, sehe ich zum ersten Mal diese einzigartigen Oberleitungen, die den sich laufend veränderten Himmel als Hintergrund für ihre Verflechtungen nutzen. 

Habe ich jemals so Pragmatisch-Gegenständliches so Dekorativ-Abstrakt gesehen? Und hat schon mal jemand den Zusammenhang untersucht zwischen der vollständigen Elektrifizierung der Amsterdamer Straßenbahn bis zum Jahr 1916 und der Gründung von De Stijl im Jahr darauf? Und war Piet Mondrian eigentlich schwul?

Amsterdam

2011

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