Boris von Brauchitsch

Meine Lieblingskrise ist, schon wegen des Namens, die Tequila-Krise, jenes erste große Finanz- und Wirtschaftsdesaster nach dem Ende der Sowjetunion. Sie spielte in Mexico und nahm so ziemlich alles voraus, was wir bis heute an Krisen erleben: Investitionsblasen, Kapitalflucht ins Ausland, Abwertung der Währung, faule Kredite, hohe Zinsen, Bankrott der Banken und Rettungspakete des Auslands zur Sicherung der eigenen Investitionen. Warum war 1995 nicht bereits dem Letzten klar, wie wenig auch der Kapitalismus als Heils-versprechen taugt?

Krisen sollen ja dazu dienen, wieder zur Besinnung zu kommen. Insofern könnten sie hilfreich sein, doch seit kaum noch ersichtlich ist, ob eine Krise schon zu Ende ist, bevor die nächste beginnt, seit man sich im Dauerkrisenalltag eingerichtet hat, ist der heilende Schock einem Fatalismus gewichen, der dem Szenarium mehr als angemessen erscheint.

Als ich nach Bangkok komme, liegt die Asienkrise, gerade mal drei Jahre zurück. Im Stadtbild halbfertige Hochhäuser, die nach dem Stillstand der Bauarbeiten im feuchten Klima wie hoffnungslose Fälle aussehen. Weniger auffällig sind die Eisengerüste, errichtet für konsumfördernde Werbetafeln, die nie angebracht wurden. Diese Skelette stehen herum, weitgehend vergessen und verrostet. Nur einmal kann ich beobachten, dass Arbeiter mit der Dekonstruktion beginnen.

Bangkok

2000

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