Boris von Brauchitsch

Februar 1985. Mein erstes Berliner Zimmer war, als ich einzog, fliederfarben. Ich sah zunächst nur diese Farbe und roch förmlich die drei Lagen Teppichboden, auf denen ich stand. Dann schichtete ich vier Briketts in den Kachelofen und ging schlafen. Was erwartete mich in dieser großen, grauen Stadt? 

Am nächsten Morgen begann ich alles rauszuschmeißen, was meine griechischen Vormieter zurückgelassen hatten. Als der Raum dann rundum weiß gestrichen war, so weiß, dass das wenige Sonnenlicht blendete, das mich über den zweiten Hinterhof in der Kantstraße erreichte, sah ich die Brand-wand vor meinem Fenster. Ihrerseits fensterlos und dunkel. Sie ersparte neugierige Nachbarschaftsblicke, aber schluckte auch das Licht der Dias, die ich nachts auf sie projizierte, fast vollkommen. 

Berlin war voll von diesen Wänden, viele noch Spuren des Weltkriegs, der vierzig Jahre her war, aber noch in den Mauern steckte. Die berühmteste Mauer der Stadt, zwei Jahre älter als ich, hatte mit diesem Krieg nichts zu tun, sondern mit dem folgenden, angeblich kalten. Aber dieser Krieg beschäftigte mich nicht sonderlich, er herrschte bereits, als ich geboren wurde und ich war mit ihm wie selbstverständlich aufgewachsen. Die Mauer war sein Symbol und man musste sie schrecklich finden. Touristen reisten an, um betroffen zu sein, ich fand sie jedoch vor allem kulissenhaft und surreal. Mich interessierten die Brandwände mehr. Sie standen fast immer für Wunden, die der heiße Krieg geschlagen hatte, und sie standen für eine Leere, die über die Jahre, in einem Berlin auf dem Weg zur Normalität, mehr und mehr verschwunden ist.

Berlin

2003

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