Boris von Brauchitsch

Ich mag Madrid, das vorweg, aber die liberale Oberfläche erscheint mir zart und unter ihr atmen noch Nationalismus und Inquisition. 

Auf der Gran Via, wo sechsspurig der Verkehr rauscht, liegt eine unscheinbare Kirche. Betritt man sie, ist es wie ein Blick hinter die Kulissen der Stadt. Es herrscht Stille und an allen Wänden und Pfeilern hängen Opferstöcke. Nicht einer für den Erhalt der Kirche, sondern Dutzende für diverse Heilige, für den Kult des Heiligen Sakraments, des Wunders, des Heiligen Herzens, für verschiedene Erscheinungsformen der Jungfrau Maria, für die Armen der Gemeinde und für die Slums. Auch einen Blanko-Opferstock gibt es, falls sonst für den Geschmack des Spendenwilligen nichts dabei sein sollte. 

Ich fotografiere sie einen nach dem andern und stelle mir dabei vor, wie der Pfarrer am Monatsende Geld an Bedürftige verteilt und dem Schutzengel (von Spanien), von dem ich noch nicht wusste, dass es ihn gibt, den Inhalt seiner Almosen-Box überweist. 

„Was tust Du da?“, spricht plötzlich eine Stimme zu mir. Ich sehe mich um und entdecke den Pfarrer. „Ich mache Fotos“, sage ich. Doch ich spüre, dass er meine Gedanken lesen kann als er antwortet: „Das ist nicht schön!“ 

Er weiß, was hässlich ist. Und weil Du nur das Schöne fotografieren sollst, lässt er mich nicht mehr aus den Augen, solange ich im Gotteshaus umher wandle.

Madrid

2008

5 / 7