Boris von Brauchitsch

Während sich Daniel auf dem Off-Off-Broadway, dem Off-Broadway und dem Broadway herumtrieb und mir hinterher amüsiert und fasziniert von den breathtaking award-winning once in a lifetime experiences erzählte, die seinem Faible für die leichte Muse entgegenkamen, betrachte ich Tonnen auf Dächern. Diese Wasserreservoirs für Klospülungen und Sprinkleranlagen, für garantierte Sauberkeit und Sicherheit stehen überall auf den Häusern, wirken aber häufig, als ob sie jeden Augenblick in die Straßenschluchten herunter-stürzen könnten. 

Die Häuser sind repräsentativ, die Tonnen archaisch, pragmatisch und ziemlich eigenartig. Kein Architekt hat sie mitgedacht und integriert, sie stehen da als Fremdkörper. Wollen unsichtbar sein, sind es aber nicht.

Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selber besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit vergegenwärtigen und darüber nachdenken zu können. Sind es nicht oft die besten Bilder, die man intuitiv macht, die entstehen, weil Dinge einen für den Moment unsagbar-seltsam berühren? 

Erst später habe ich verstanden, dass die Wassertonnen auch Symbole der Autonomie sind, Denkmäler für die Selbstbestimmung, die Unabhängigkeit von einer öffentlichen Versorgung, von der sich kein guter Amerikaner abhängig machen möchte. Sie sind auf ihre Weise lauter kleine Freiheitsstatuen.

New York

1993

6 / 7