Boris von Brauchitsch

Ich, Ventura oder Hunde lügen nicht

Aufzeichnungen über Gossenköter, Nervtölen, Kackbratzen und andere Hundesöhne aus den Tagebüchern eines Artgenossen

 

Natürlich ist Ventura ein gebildeter Hund. Und ein temperamentvoller Beobachter, schließlich ist er Spanier. Seit nun fünf Jahren lebt er in Berlin zusammen mit Bluno, von dem wir zunächst nicht sehr viel mehr wissen, als dass er an einem Standardwerk arbeitet, einer Geschichte der Gurke in der bildenden Kunst von Carlo Crivelli bis Erwin Wurm. Im Laufe von mehr als vierzehn Hundejahren aber gewinnt Bluno langsam Kontur.

Über diesen Zeitraum hinweg hat Ventura Tagebuch geführt (zumindest hat er diesen Zeitraum bislang für eine Veröffentlichung freigegeben). Notiert hat er die wichtigen Ereignisse seines Daseins, seinen Zwist mit Nachbarn und Behörden, seine Vorliebe für Südbalkone und das Toben zwischen Grabsteinen, seine Gedanken über Schönheitskult und Jugendsünden, Parfümindustrie und menschliches Sportversagen, Rassenwahn und Religion und seine Fortschritte in der Erziehung Blunos zu einem besseren Tier. Er räsoniert über den großen Hund, über Hunde in der Weltpolitik, über Hundstage, Dogdancing, Dog-Awards, Underdogs, Hundehasser, den Welthundetag, Katzenfreunde und das rasche Älterwerden.

Nebenbei konzipiert er ein »Manifest für ein Hundeleben«, eine moderne Form eines Lobes der Faulheit, in dem er unter anderem deutlich macht, dass 16 Stunden Schlaf besser sind als acht – auch für Klima und Weltfrieden. Und er plant akribisch seine Teilnahme an der documenta 2022 mit einer bahnbrechenden Arbeit über das Sein und das Nichts.

Über die Zeit wird die enge Bindung zwischen Bluno und Ventura immer greifbarer, ohne das sie  besonders thematisiert würde. Sie scheint eine Selbstverständlichkeit, die jäh gestört wird – durch die Liebe. Durch die Liebe Blunos zu einer Hundeallergikerin. Nur langsam realisiert Ventura das Unfassliche: Bluno plant ihn loszuwerden. Sie reisen in seine Heimat, doch der Versuch, ihn dort in den Kreis seiner schrecklichen Familie zu re-integrieren, scheitert kläglich. Dann bringt Bluno ihn in der besseren Gesellschaft Zehlendorfs unter, in Berlins elegantem Westen, wo die Luft besser und die Häuser weitläufiger sind und sich die einzigen nennenswerten Hundeauslaufgebiete der Stadt befinden. Bluno hat es gut gemeint, aber Ventura nutzt die erste Gelegenheit, sich auf den abenteuerlichen Weg zurück in die Heimat zu begeben.

Wo und wie die Bildung Venturas erfolgte, bleibt sein Geheimnis. Vermutlich war er nur besonders aufmerksam und besaß das Quäntchen Eigeninitiative, die manches Schuljahr überflüssig macht. Er kennt offensichtlich die klassische Tierliteratur von ETA Hoffmanns »Kater Murr« über Thomas Manns »Herr und Hund« bis Virginia Woolfs »Flush« und zollt seinen großen Vorgängern Respekt, aber Ventura hat scheinbar auch die Tagebücher von Fritz J. Raddatz gelesen und pflegt eine latente Schwäche für Gottfried Benn. Kurz, er ist eine schillerde Figur. Seine Aufzeichnungen – manchmal fast kleine Essays – entwickeln sich zu einem Kaleidoskop aus Bruchstücken zwischen Alltag und Philosophie, das aus einer verschobenen, manchmal verschrobenen Perspektive politisches Weltgeschehen und Nachbarschaftsquerelen gleichermaßen schillern lässt.

Ich, Ventura oder Hunde lügen nicht ist ein Buch über Hunde, aber wie alle Bücher über Hunde vor allem eines über die Menschen.

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