Boris von Brauchitsch

 Vita

Sein Geburtsdatum anzugeben – in meinem Fall wäre das 1963 – ist aus der Mode gekommen. Genauer gesagt, es ist gegenwärtig Mode, dieses Datum zu verschweigen. Einerseits (vornehmlich bei Frauen) aus Eitelkeit, andererseits (durchaus auch bei Männern), um Zeitlosigkeit zu suggerieren. Man gehört nicht mehr einer Generation an, sondern ist ewig jung, konstant aktuell, gerade jetzt im Zenit seiner Präsenz und Schaffenskraft.

Ebenfalls obsolet ist der Geburtsort – bei mir wäre das Aachen –, denn welche Relevanz kann solch ein Ort in Zeiten medial-globaler Allgegenwart schon haben?

Bliebe noch das, was einst Werdegang hieß. Nichts ist hier «sexyer» als die Vorstellung eines Autodidakten. Er ist autonom, beweist Eigeninitiative. In Frankfurt, Bonn und Berlin studiert zu haben, sagt vergleichsweise wenig, auch wenn es den Fakten entspricht. Wenn schon, dann Mombasa oder Harvard, das klingt wenigstens exotisch oder schlau.

Alles weitere sollte in einer Vita dazu dienen, neugierig zu machen. Museumsdirektor in der bayrischen Provinz klingt besser als Galerist in Frankfurt, Fremdenführer in Neapel besser als Versicherungsagent in Köln (weshalb ich nie in Köln Versicherungsagent war).

In Berlin zu leben ist gut. Noch besser, nicht immer dort leben zu müssen, denn die Winter dort sind hart und grau.

 

Foto: Wolfgang Krolow