Boris von Brauchitsch

Ernst. Institut für Universalkultur
VI. Andreas Fux FÜRCHTET EUCH NICHT, ab 15. Juli 2022

Die Sitzungen, in denen Andreas Fux seine Modelle in sanfte Helligkeit taucht oder vor schwarzem Grund inszeniert, dauern ganze Nächte, werden akribisch Vorbereitet, gehen in sensibilisierter Hochspannung über die Bühne und folgen einer Dramaturgie, bei der Überraschungen eingeplant sind, auch wenn der Fotograf nebenbei versucht, die Bilder, die ihm vorschweben, Realität werden zu lassen.

„Ich bin ja so gar nicht gläubig, aber diese Treffen haben etwas Heiliges jenseits der Religion.“ Es klingt ein wenig pathetisch, wenn Andreas Fux so von den Begegnungen spricht, denen er, in durchaus nervöser Erregung, entgegensieht, aber das ist in Wahrheit die präziseste Beschreibung dessen, was sich ereignet. Er löst die Menschen aus ihrem Umfeld, stellt sie ‚frei‘ vor weißem Grund, oder modelliert sie in seinen neueren Fotografien aus der Materie der Dunkelheit heraus. So gegensätzlich diese Vorgehensweisen erscheinen, hier wie dort ist der Fotograf bestrebt, nicht nur den Raum, sondern weitestgehend auch die Zeit aufzuheben. Was wir sehen, sind Ergebnisse von Performances, die nicht nur Bilder, sondern auch Gefühle transportieren wollen und immer wieder den Schritt von der Inszenierung zur Überschreitung der Inszenierung tun, von der Show zur fiebrigen Halluzination.

Auf seine weißen Bilder folgen die schwarzen. Sie scheinen die Nacht noch deutlicher zu zelebrieren und in ihr die scheinbar flüchtige Begegnung von Körpern und Licht. Aus schwarzem Hintergrund treten diese Körper hervor, als sei die Dunkelheit ihr Zuhause, als sei es lediglich ein kleiner Schritt nach vorn in den Strahl des Spots, ein kurzes Posen in High Heels auf einem nächtlichen Laufsteg ohne Publikum, über dem der Rauch der Zigarette verfliegt. Im Kontrast zu ihm steht das somnambule Schweben eines helläugigen Nachtwandlers, vielleicht auf dem First eines Daches, den man sich sofort unter den nicht mehr sichtbaren Füßen vorzustellen bereit ist. Vielleicht ist der Typ, der den Schriftzug ‚God was here‘ über dem Schwanz trägt, aber auch ein moderner Jesus, der „im letzten Viertel der Nacht“, wie es in der Bibel (Matthäus 14, 25) heißt, zu seinen Freunden übers Wasser kommt, um ihnen zu sagen: „Fürchtet euch nicht!“

Gemeinsam präsentieren sie ein Bild aus den Anfängen der Fotografie von Andreas Fux in den frühen 1980er Jahren, aufgenommen in jener mittlerweile verschwundenen Stadt, die offiziell Berlin. Hauptstadt der DDR hieß und in einer Gegend lag, in der man keine Scheu kannte, Elektroleitungen unter Putz diagonal zu verlegen. Das Studio ist nicht mehr als ein Haufen Ziegel vor einer untapezierten Wand. Das Modell könnte dem Alter nach leicht der Vater der beiden anderen sein. Doch in der Fotografie ist die Zeit aufgehoben und zugleich eingefroren. Das macht ihr Geheimnis aus.

Auch im Porträt aus der verschwundenen Stadt gibt es den direkten Blick und die Pose, doch sind es Blick und Pose aus einer anderen Ära. Hier geht es nicht um das laszive Spiel mit dem Betrachter, nicht um Manierismen, sondern um ein eher trotziges Auge in Auge. Dieser junge Mann war ganz und gar präsent – damals vor fast vierzig Jahren. Die schwarzen Bilder dagegen machen die Körper zu Visionen, modellieren sie durch Licht und lassen sie zugleich besonders vergänglich erscheinen. Ein Schritt der Nachtgestalten zurück ins Dunkel, und sie sind wieder verschwunden. Dann bleibt nur noch die Vergangenheit im Goldrahmen.

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