Boris von Brauchitsch

Ernst. Institut für Universalkultur
VII. Lucas Foletto Celinski | Temporäre Spannung - ab 14. Oktober 2022

Veränderung setze Unzufriedenheit mit dem Status Quo voraus, so die gängige Ansicht. Nur wer unzufrieden sei, habe auch die Kraft und den Willen zu Veränderung. Das, was man gemeinhin Fortschritt nennt, wäre Produkt eines Missvergnügens, einer Frustration, eines Unbehagens angesichts gegenwärtiger Zustände.

Diese Ansicht hat viel für sich und trifft wohl nicht nur auf Erfindungen wie das Rad, die Kaffeemaschine und wohl auch die Handgranate zu. Die größte Unzufriedenheit der Menschheit, die jedem einzelnen Menschen am nächsten ist, bleibt allerdings die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Schönheitschirurgen, Frisöre und sogenannte Sportstudios leben von ihr. Sie alle haben gemein, dass ihre Veränderungen im besten Fall das als hässlicher empfundene Bild der Vergangenheit auslöschen. Die gefärbten Haare, die Nasen-OP, der straffe Arsch gelten dann als besonders gelungen, wenn man ihnen nicht ansieht, dass sie künstlich erzeugt wurden.

Ohne Frage sind auch Skarifizierungen und Tätowierungen Veränderungen des Körpers. Doch sie sind additiv und offensiv. Sie wollen bemerkt werden. Sie sind Statements. Aber sind sie auch Zeichen der Unzufriedenheit? Will man wirklich dauerhaft auf der eigenen Haut seine Unzufriedenheit mit jenem Körper, mit dem man geboren wurde, zur Schau stellen?

Keineswegs. Indem sie den ursprünglichen Körper nicht verleugnen, sind sie in der Regel kein Ausdruck von Unbehagen. Im Gegenteil, sie wollen den Körper nicht vergessen machen, sondern ihn feiern. Seit es Tattoos gibt, also seit mindestens 7500 Jahren, konnten sie die unterschiedlichsten Bedeutungen transportieren. Sie signalisierten die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder unterstrichen die Individualität, manifestierten ein Glaubensbekenntnis oder dienten als persönliches Tagebuch für besonders einschneidende Ereignisse des Daseins. Für manchen waren sie reines Dekor, für andere eine imaginäre Rüstung.

Modifikationen müssen also nicht notwendig aus Unzufriedenheit entstehen, sie können auch einfach ein Spiel sein. Man strebt nicht nach Verbesserung, sondern nach Veränderung um der Veränderung willen. Anders sein, heißt hier nicht besser sein. Ein leeres Blatt zu beschreiben, bedeutet nicht zwangsläufig Unzufriedenheit mit der Leere, sondern Lust, die eigenen Gedanken und Bilder festzuhalten.

Ein Tattoo ist eine Entscheidung. Wie überall im Leben sind solche Entscheidungen überwiegend dumm und resultieren metaphorisch oder real in Arschgeweihen. Doch um Dummheit soll es hier nicht gehen, sondern um Kunst. Lucas Foletto Celinski hat diese Kunst zu hoher Blüte getrieben. Die Grenze zwischen dem eigenen Körper und seinen Objekten ist fließend. Seine strengen, reduzierten Werke erscheinen als Fetische und es bleibt offen, ob sie der erotischen Stimulanz dienen, oder den Kontakt mit religiösen Sphären ermöglichen. Man darf vermuten, dass sie sowohl natürlich-sexuelle als auch übernatürlich-spirituelle Mächte beschwören möchten. Sie sind von geradezu obsessiver Perfektion. Technisch akkurate, klinisch unterkühlte Präzisionswerkzeuge, die vordergründig so gar nicht von wilder Ekstase künden, sondern von kalkulierter Selbstbeherrschung.

Zentrales Motiv und Kontrast zu diesen Objekten sind die filigranen Muster, die immer wieder auftauchen und an Handklöppelspitzen erinnern – und an ein Korsett. Eher feminin konnotiert – obwohl sich auch Dandys seit dem frühen 19. Jahrhundert gern einmal ihrer bedienten – modifizierten solche Mieder ebenfalls je nach aktueller Mode die Körper ihrer Träger und Trägerinnen: im Inneren durch Organverlagerung und Rippendeformation, von außen durch eine Wespentaille, wie sie wohl niemand atemberaubender zur Schau stellte, als die legendäre Ethel Granger, Ikone der Piercing- und BodMod-Szene.

Inwieweit die Einschnürung als Expression und Befreiung empfunden werden kann, auch davon möchten die Werke von Lucas Foletto Celinski erzählen. Die feinen Bordüren finden daher ihre konsequente Fortsetzung auf dem Körper des Künstlers. Er wird so Teil seines Oeuvres. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Die Objekte im Raum, die Gewichte, Verspannungen und Verbindungen aus Leder, Stahl, Fasern, Beton und Metall sind Erweiterungen der eigenen Körperoberfläche. Ihre international gewählten Bezeichnungen, die oftmals Werkzeuge vermuten lassen – Suture pénétrable, Lace-Up Stretcher, Suspensas provisorias –, lassen lediglich vage Assoziationen darüber zu, welch konkrete Funktion ihnen zugedacht ist. Sie fesseln und verknüpfen, schweben und beschweren, schützen und verletzen zugleich.

Die zarten Ornamente wiederum sind der Fond, das Netz, dass all diese Objekte hinterfängt. Auch hier tritt die Ambivalenz erneut zutage, die das gesamte Werk Lucas Foletto Celinskis auszeichnet. Zum einen wird die Korsage als elaboriertes Produkt westlicher Dekadenz zitiert, zum anderen verweist der Künstler mit brasilianischen Wurzeln auf den hochkomplexen Körperschmuck indigener Völker in seiner Heimat. Es ist nie ein Entweder-Oder, sondern immer ein Sowohl-Als-Auch. Es geht nicht um Zerrissenheit, nicht um unversöhnliche Gegensätze, sondern um ein Zusammendenken, und um den Reiz, der im Augenblick entsteht, wenn sich die Extreme berühren.

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