Boris von Brauchitsch

ERNST. Institut für Universalkultur
XIV. Silke Weyer | Innamorato di Eldena - Vernissage am 28. Mai 2026 um 19 Uhr

Innamorato di Eldena

Grauer Himmel, graue Wolken und davor eine Kampfszene, bei der die Fetzen fliegen. Eine Explosion schleudert Dinge in die Luft, Gebäude wanken, Menschen klammern sich aneinander. Martialische Exzesse. Doch auf den zweiten Blick kommen Zweifel auf. Ist die Szene nicht vielmehr eine Theaterbühne, auf der mutierte Flamingos eine ambitionierte Inszenierung von Schwanensee darbieten?

Nein, sagt die Künstlerin, es ist das wilde Treiben des Strandguts in all seinen Farben, das sich nach und nach zu einer Komposition zusammenfügt. Wer auch nur einmal seinen Blick bewusst auf den Saum des Meeres gerichtet hat, der weiß, dass nur wenige Wirklichkeiten abstrakter erscheinen als diese Fetzen und Partikel, die das Meer ausspeit.

Doch es ist nicht, was es ist, sagt die Kunst. Insofern sind Schlachten oder Flamingos keineswegs abwegig. Der Gedanke ist verlockend, dass das Meer mit all dem, was es uns vor die Füße schleudert, turbulente Geschichten erzählt.

Stellt man das Gemälde von Silke Weyer auf den Kopf, dann wird der Himmel zu einem See, in dem sich Wolken spiegeln und an dessen Ufern bunte Blumen wachsen. In der Kunstgeschichte waren es immer wieder die Kritiker der Kunst, die ihre eigene Orientierungslosigkeit dadurch zum Ausdruck brachten, dass sie hilflos ausriefen „Da weiß man nicht, wo oben und unten ist! Steht dieses Bild nicht falschherum?“ Die Schuld an ihrer Hilflosigkeit gaben sie, wie konnte es anders sein, den Gemälden. Schon Caspar David Friedrich ist das mehr als einmal passiert. Ist es vielleicht, so ließe sich fragen, ein Qualitätsmerkmal, wenn Bilder auch auf dem Kopf stehend noch gute Bilder sind, so wie es ein Vorteil ist, wenn Skulpturen auch von hinten noch ansprechend erscheinen?

Doch warum gerade – und schon wieder – Caspar David Friedrich? Weil die Ostseeküste von Silke Weyer auch seine Küste war, weil die Künstlerin tatsächlich an Friedrich dachte, als sie angesichts des Strandguts schwieg und schwelgte, und weil Friedrichs Sicht der Welt heute mehr denn je die gesündeste Sicht auf die Welt ist. Der melancholische Blick auf das Meer. Besinnung.

„Alles ist besser als Stillstand. Bewegung ist Zukunft. Und die Zukunft bist Du. Also bleibe hungrig. Bleibe neugierig. Aber bleibe niemals stehen“, so heißt es in einem saublöden Spot, der dieser Tage im Fernsehen ausgestrahlt für Körperertüchtigung werben soll, aber offenbar auch noch eine globalere Botschaft transportieren will: Innehalten ist out, Kontemplation etwas für Gestrige.

Silke Weyers Gemälde glüht, ohne dieses besinnungslose Schneller-Höher-Weiter nötig zu haben. Sie weiß, was wir eigentlich seit Aristoteles wissen, dass die wahre Künstlerin Melancholikerin ist.

Und was wäre als Allegorie der Melancholie passender als eine Ruine? Caspar David Friedrich war verliebt in ein verfallenes Kloster vor den Toren Greifswalds, das seit Jahrhunderten fest verwurzelt unweit der Ostseebrandung steht, das er in seiner Phantasie aber überall hin verpflanzen konnte. Wozu zum Kolosseum reisen, solange die Erinnerung an Eldena lebendig ist?

Das alte Gemäuer lädt dazu ein, sich in seinen Schiffen auf den Rücken zu legen und in die Wolken zu schauen. Und dieser Blick ist dann vielleicht doch der Blick des Prinzen in Schwanensee, der am Himmel die Schwäne dahinziehen sieht.

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