Boris von Brauchitsch

ERNST. Institut für Universalkultur
XV. Paul Diestel : Asselglück - Vernissage am 6. August 2026

Hör auf, mein Kind, mit dem Krakeelen
Und lass das Grölen und das Rasseln,
Wie lang willst Du uns lärmend quälen?

Halt inne mit dem drögen Quasseln,
Gönn etwas Frieden unsern Seelen.

Dann hörst auch Du aus tausend Kehlen
Den Nachtgesang der goldnen Asseln.

Heinrich Heine: Asselglück

Sous les pavés, la plage, lautet ein berühmtes Zitat, das dem in mancher Hinsicht fragwürdigen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon zugeschrieben wird und in den Studentenunruhen in Frankreich zu einem Slogan avancierte. Unter dem Pflaster liegt der Strand hieß es dann in der deutschen Sponti-Szene der folgenden Jahre und es gab jenen gleichnamigen Kultfilm von Helma Sanders-Brahms, der eine traurige Liebesgeschichte erzählt, in der es im verblassenden Licht der 68er-Ideale einem jungen Paar nicht gelingt, Kinderwunsch, Politik und Freiheitsbedürfnis unter einen Hut zu bringen. Es gab das Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand, herausgegeben von Daniel Cohn-Bendit, und die Frauen-Band Schneewittchen, die schmetterte: „Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand, drum reiß auch Du ein paar Steine aus dem Sand.“ Verborgen unter den versteinerten Strukturen, der harten, unwirtlichen Realität, schlummert der weiche Sand, der dazu einlädt, sich in ihm auszustrecken, die Sonne und das Leben zu genießen. Auch wenn man ihn nicht sehen kann, der Strand ist ganz nah und es bedarf nur weniger Handgriffe, nur einer kleinen Performance – Happening wäre damals der Ausdruck der Wahl gewesen –, um ihn freizulegen. Dann offenbart sich das Ambiente für ein Dolce far niente, für Zwanglosigkeit, Autonomie, Emanzipation. Der Strand verspricht Hedonismus statt Beton. Und sollte der Impuls bestehen, gegen das Schweinesystem zu revoltieren, können die Pflastersteine auch noch als Wurfgeschosse dienen.
Heute heißt die Beseitigung von Straßenbelag recht prosaisch Abpflastern. Das Aufbrechen der Versiegelung unserer Städte ist zu einem Wettbewerb geworden. Welche Gemeinde schafft es, am meisten Fläche wieder zu renaturieren oder wenigstens zu begrünen. (In der ersten Runde 2025 trug übrigens Flensburg mit 104tausend entfernten Pflastersteinen den Sieg davon, das heißt, etwa ein Stein für jeden Bürger der Stadt.)


Mag sich der Vorgang auch gleichen, vor 50 Jahren ging es um Selbstverwirklichung, heute geht es ums Überleben. Das Abpflastern ist kein Kampf mehr gegen einen autoritären Staat, sondern gegen den Klimawandel. Wenn es jährlich 50.000 Hitzetote in Europa gibt, ist jede noch so kleine Aktion, die Kühlung verspricht, begrüßenswert. Doch was passiert mit den Pflastersteinen? Türmen sie sich zu künstlichen Bergen, wie sich nach dem Krieg der Schutt unserer Städte zu Bergen türmte? Oder gibt es Sinnvolleres, was damit anzugfangen wäre?
Für den Künstler Paul Diestel sind die 1970er Jahre Geschichte, eine ferne Epoche, verblichen lange bevor er selbst das Licht der Welt erblickte. Er gehört damit klar zur Generation der Abpflasterer. Seine Heimat ist die fränkische Gemeinde Unsleben, knapp tausend Einwohner, ein Umfeld, das wiederum das Abpflastern als Maßnahme gegen den Klimawandel als nicht allzu drängende Notwendigkeit erscheinen lassen könnte (auch wenn das Bedürfnis nach Pflaster gerade in Gemeinden dieser Größe als besonders ausgeprägt erscheint, aber das bedürfte einer eigenen, tiefenpsychologischen Untersuchung).


So war es denn auch ein Besuch in Berlin, der Paul Diestel auf die Idee brachte, sich künstlerisch mit dem Straßenbelag auseinanderzusetzen. Wie es seine Art ist, schreitet er hier ästhetisch – außerordentlich ästhetisch – voran und kehrt zugleich zu ziemlich archaischen Lebewesen zurück. Konkret nutzt er Steine des Berliner Pflasters, um uns jenen anspruchslosen Mitbewohner zu vergegenwärtigen, den wir in völliger Verkennung seiner Qualitäten Porcellio scaber getauft haben: schäbiges Ferkel. Als Krebstier veranschaulicht er eindrucksvoll seine Herkunft aus dem Meer, er atmet noch immer durch Kiemen, obwohl er lange schon das Wasser verlassen hat, um in unsere Souterrains einzuziehen. Daher auch seine Bezeichnung als Kellerassel. Die Kellerassel ist nur eine von rund zehntausend Assel-Arten, doch sicher die, die uns am nächsten ist. Es bedarf des scharfen Blicks, wie er Forschern und Künstlern zu eigen sein sollte, um ihre faszinierenden Eigenheiten und ihre Schönheit zu erkennen. Die Perfektion ihres schimmernden Panzers, den sie beim Wachsen immer wieder gegen einen neuen tauscht und in dem sie sich bei Gefahr verschanzt. Sie wird dann zu einer Kugel, die wie ein Cabochon, wie ein rund geschliffener Edelstein, zum Schmuckstück taugen würde. „Das Besondere an der Kellerassel“, sagt Paul Diestel, „ist diese glänzende Sauberkeit, obwohl sie sich doch ständig im Dreck fortbewegt“.

Kann man guten Gewissens davon sprechen, dass es den Homo sapiens seit 300tausdend Jahren gibt, dann lassen sich Asseln mindestens tausendmal so lange nachweisen. Und wir dürfen davon ausgehen, dass die Asseln auch noch hier sein werden, wenn der Mensch längst wieder verschwunden ist. Sie verkörpern Bescheidenheit, sind Restevertilger und werden vermutlich auch einst das verzehren, was vom Menschen übrigbleibt. An ihnen jedenfalls wird es nicht liegen, wenn unser Planet zugrunde geht.
Asseln könnten uns also als Vorbilder dienen. Vorbildern aber sollte man Denkmäler setzen. Und woraus könnten diese Denkmäler bestehen, wenn nicht aus jenem unverwüstlichen Granit, mit dem unsere Städte gepflastert sind. Statt dem etwas anachronistischen Schwerter zu Pflugscharen könnte es fortan heißen Pflastersteine zu Kellerasseln! Natürliche Versteinerungen von Asseln sind rar, auch deshalb hilft Paul Diestel hier gerne aus. Es wäre wünschenswert, könnte jedem Bürger unseres Landes zum 18. Geburtstag – als Zeichen der nunmehr vollen Verantwortung für sein Tun – eine steinerne Kellerassel überreicht werden. Die Produktion von 800.000 Kellerasseln jährlich sollte sofort anlaufen. Selten, so scheint mir, würde sich ein Kunstprojekt als sinnvoller erweisen.
Wir sind stolz, drei der Kellerassel-Denkmal-Prototypen von Paul Diestel nun exklusiv in ERNST, dem Institut für Universalkultur, präsentieren zu können.

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